Verstrickung(en)

Industrialisierung und Verstädterung veränderten um 1900 die gesellschaftlichen Strukturen so weit, dass es politisch notwendig wurde, die vorhandenen Strukturen hinsichtlich der „sozialen Frage“ zu reorganisieren.

 

Ein bis dato mehrheitlich kirchlich/privat organisiertes Wohlfahrtswesen wurde nach und nach zum Handlungsfeld (teil)staatlicher Interventionen.

 

Das politische Interesse an einer Wohlfahrt, welche Individuen oder ganze Gruppen als randständig kategorisierte, war primär an fragen des Machterhalts orientiert.

 

Soziale Peripherien dienten als mahnender Zeigefinger und sollten einzelnen Individuen vor Auge führen, dass Verfehlungen innerhalb der bürgerlichen Strukturen jederzeit mit sozialem Abstieg sanktioniert werden konnten.

 

Dieses politische Kalkül machte es erforderlich, die Ausdehnung solcher „Gefahrenzonen“ streng zu regulieren und sicherzustellen, dass die „Mitte der Gesellschaft“ nicht tangiert wurde, geschweige denn in einem revolutionären  Akt nachhaltig destabilisiert werden konnte.

 

Das herrschende Interesse bestand darin, Intensität und Auswüchse einer sozialen Deklassierung nicht einfach zu besänftigen, sondern zu dominieren um sie als potentielle Gefahr zu erhalten.

 

Unter den gegebenen Rahmenbedingungen jedoch erschien die Gefahr des sozialen Abstiegs kontrollierbar, sodass einem Großteil der Bürger_innen erfolgreich suggeriert werden konnte, unter bestimmten Voraussetzungen davor bewahrt werden zu können. 

 

Ideen einer aktiven Regulierung der gesellschaftlichen Zusammensetzung, jenseits bereits gängiger Praxen von herkunftsabhängiger In- und  Exklusion, spielten Theoretiker_innen und Praktiker_innen eines sozialen Rassismus zusätzlich in die Hände. 

 

Mittels etappenweiser Reformierung entwickelte sich aus dem freiwilligen und erwerbslosen Ehrenamt der Vormundschaft alsbald ein  professioneller Lohnberuf unter der Zuständigkeit der Stadt Wien.

 

Das sogenannte Fürsorgewesen präsentiert sich hierbei als komplexer Apparat, welcher sich dem Wandel herrschender Verhältnisse, an welchen er selbst teilhat, stets anzupassen wußte.

 

Die innerhalb des Feldes der Kinder- und Jugendhilfe professionell handelnden Subjekte bewegen sich in spezifischen Rahmenbedienungen, die sich von den meisten anderen Tätigkeitsfeldern sozialer Arbeit hinsichtlich ihrer ökonomischen als auch politischen Abhängigkeiten unterscheiden. (vgl. Wolfgruber 2013 S.11.)

 

Es sind diese Spezifika, über welche nationalstaatliche Gewalten (Legislative, Exekutive und Judikative) ganz konkreten und direkten Einfluss auf das Selbstbild und hierdurch wiederum – dies scheint mir entscheidend – auf inhaltliche Positionen der Professionist_innen nehmen.

 

Die besondere staatliche Bereitschaft in der Kinder- und Jugendwohlfahrt rechtliche Parameter zu gestalten (legislative Ebene) und diese von Zeit zu Zeit entsprechend zu variieren bzw. aktualisieren, sowie die eigenen Abteilungen mit ihren Angestellten, welche in der Lage sind ggf. Zwangsmaßnahmen anzuordnen (exekutive Ebene) und unter dem Schlagwort des „Gefahrenverzugs“ (judikative Ebene) die kurzfristige Möglichkeit besitzen, die üblichen rechtsstaatlichen Entscheidungsprozesse zu umgehen, sind abseits des Schutzinteresses eben auch als direkt politisch-ökonomische Einflussnahme zu denken.

 

Beziehen wir an dieser Stelle mehrheitsgesellschaftliche Aspekte einer Schuldabwehr im Kontext des Nazismus – die immer wieder aufkommende Lüge der Opferthese, der wiederholte Ruf nach einem „Schlussstrich“, der subtil vorhandene Antisemitismus usw. –, sowie das Wissen um anhaltende personelle und inhaltliche Kontinuität, in die Überlegungen um die staatliche Gestaltungskompetenz der strukturellen Rahmenbedienungen innerhalb der Kinder - und Jugendwohlfahrt mit ein, lässt sich an der Notwendigkeit einer kritisch zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung kaum zweifeln.

 

Hinsichtlich zweier Aspekte ist die Entwicklung der Wiener Jugendfürsorge besonders von Interesse.

 

Für das in Österreich etablierte Wohlfahrtswesen war das Modell, welches sich in Wien durchsetzte ein Rollenvorbild, an welches nach 1945 wieder angeschlossen wurde.

 

Zusätzlich blieb das Paradigma des Wiener Modells bis zur Heimreform 2000 im Jahre 1998 in der Konzeption der städtischen Jugendfürsorge zentral.

 

Praktisch kann das Jahr 1910 – mit dem Datum wurde in Wien die „städtische Berufsvormundschaft“ eingeführt – als Gründungsdatum der städtischen Jugend- und Familienfürsorge geltend gemacht werden.

 

Die Wiener Jugend- und Familienfürsorge organisierte sich inhaltlich annähernd äquivalent zu den Systemen in Deutschland und der Schweiz.

 

Im Gegensatz zu Modellen, welche sich aus der Beratungsfunktion kommend entwickelten und darüber eine divergente Schwerpunktsetzung im Zugang zum sog. „Doppel-Mandat“ haben, scheinen Dominanz und Deklassierung dem Wiener System immanent zu sein.

 

Unter der Führung des sozialdemokratischen Stadtrats Julius Tandler folgte 1921 eine weitreichende Reform der bestehenden Strukturen.

 

Für den 16. Bezirk führte Tandler 1913 eine Berufsvormundschaft ein, welche ein Prototyp der ab 1921 geltenden städtischen Generalvormundschaft war.

 

Mit der Generalvormundschaft hatte bis zum erreichen des zweiten Lebensjahres automatisch eine Behörde (das Bezirksjugendamt) die Vormundschaft über alle unehelich geborene Kinder.

 

Eine zur Verlängerung der Vormundschaft führende Gefährdung konnte auf Grundlage der Berichte von hausbesuchenden Fürsorgerinnen und deren subjektiver Wahrnehmung von sogenannten „Auffälligkeiten“ diagnostiziert werden.

 

Ergänzend folgten Darstellungen der Berufsvormünder und eine Begutachtung seitens der heilpädagogischen Fachabteilung an der Universitätsklinik Wien oder einer städtischen „Beobachtungsstation“ wie jener in der KÜST oder am Wilhelminenberg.

 

Ein entscheidender Moment für das in Gang kommen der Wohlfahrtsmaschinerie waren somit die Berichte der aufsuchenden Fürsorger_innen, welche dadurch zum Instrument der Kontrolle und Disziplinierung wurden.

 

Ein hierbei oft vernachlässigter Aspekt ist die Frage nach der sozialen Herkunft der Fürsorger_innen und der sich daraus ergebenden Normierung eines bürgerlich geprägten Familienbildes.

 

Die rapid ansteigende Zahl an sog. „Zöglingen“ führte alsbald zur erhöhten Nachfrage an Fachpersonal.

 

Es war nur konsequent, dass Tandler sich auch entsprechend für die schrittweise Errichtung der bereits 1917 beschlossenen Jugendämter einsetzte.

 

An dieser Stelle tritt ein ideologischer Konflikt im Roten Wien unübersehbar hervor.

 

Während Tandler die zur bevölkerungspolitischen Überwachung notwendigen Datensammelstellen – die Jugendämter – umsetzte, blieb Aichhorn als Erziehungsberater, als Praktiker einer Sozialpädagogik, welche vom Kind ausging, alleine.

 

Tandler interessierte sich im Sinne einer „positiven Eugenik“ für prophylaktische Maßnahmen, wobei diverse Daten zur Erstellung einer umfassenden »sozialen Diagnose« gesammelt wurden.

 

Das Sammeln relevant erscheinender Informationen ist nach wie vor Teil der Jugendamtlichen Tätigkeit.

 

Aichhorn jedoch verstand es als Aufgabe der Erziehungsberatungsstellen, Ursachen der in Erscheinung tretenden Verwahrlosungszustände in der vertrauenswürdigen Zusammenarbeit mit den direkt Betroffenen (Ki./Ju.), ausfindig zu machen.

 

Über eine enge Zusammenarbeit mit dem Psychologischen Institut der Universität Wien wurde das Kind zum Objekt der wissenschaftlichen Forschung.

 

Die Wiener Kinder- und Jugendfürsorge bezog daraus ihre inhaltliche Orientierung und eine entsprechende wissenschaftliche Legitimation – was ein vorantreibender Nebeneffekt ihrer Professionalisierung darstellte.

 

„Kapitalismus existiert nicht nur als Wirtschaftsform, sondern auch als eine unsichtbare Ideologie in unseren Köpfen, die für eine zunehmende Ökonomisierung des gesamten Zusammenlebens sorgt.“ (Teidelbaum S.15)

 

„Die kapitalistische Verwertungslogik insgesamt bestimmt immer mehr das Denken und Handeln, ohne konkret als Ideologie wahrgenommen zu werden. (ebenda)

 

Alle Produkte oder Leistungen müssen ihr zufolge einen Gegenwert in Form von Arbeitskraft haben. (ebenda)

 

Diese Perspektive auf die Verwertungslogik, welche mit der Idee von Wert (Verwertbarkeit) und ihrer dualistischen Tradition folgend stets auch mit einer Vorstellung von Unwert und/oder Minderwert paktiert, katapultiert uns aus einer historischen Perspektive mitten in zeitgenössische Diskurse.

 

Während Strömungen eines „traditionellen Rassenkampfes“ in ihrer Salonfähigkeit derzeit eingeschränkt zu funktionieren scheinen, selbst wenn diese mittels eines strategischen Umweges über angebliche Unverträglichkeiten vielfältiger kultureller Praktiken und/oder Zuschreibungen zu hofieren versucht werden, fällt der aktuelle Befund über sozialrassistische Stereotypisierungen weniger wohlwollend aus.

 

Die Strategie der Spaltung, welche auch dem antisemitischen Stereotyp von angeblich „schaffenden“ und angeblich „raffenden“ Kräften zugrunde liegt, lässt sich als kapitalistisch-bürgerlicher Stigmatisierungsprozess entlang einer imaginär gezogenen Linie zwischen „produktiv“ und „unproduktiv“, zwischen „Leistungsträger_innen“ und „unnützen Esser_innen“, zwischen „Werktätigen“ und „Untätigen“ denken.

 

Die eigenen Historie des Sozialrassismus verweist darauf, das es selbst in der überwiegenden Zahl jener Gesellschaftspraktiken, welche sich als internationalistisch und emanzipatorisch verstanden, immer wieder zu Prozessen der Ausgrenzung gegen als unproduktiv klassifizierte Personen(gruppen) kam.

 

Historisch verfolgen lässt sich dies beispielsweise auch an den Äusserungen des austromarxistischen Wegbereiters Otto Bauer, welcher bezüglich der Teuerungsrevolte von 1911 in Wien verlautbaren ließ:

 

Zum ersten Mal seit dem Oktobertag 1 8 4 8 , a n d e m d i e T r u p p e n Windischgrätz' die Hauptstadt dem Kaiser wiedererobert haben, ist in Wien auf das Volk geschossen worden. (Schwartz S.542)

 

Was selbst in den gewaltigsten Stürmen des Wahlrechtskampfes nicht geschehen ist, hat sich am 17. September in Wien ereignet. (ebenda)

 

In ganzen Stadtvierteln blieb kein Haus, kein Fenster, keine Laterne unversehrt. (ebenda)

 

In dem Proletarierviertel Ottakring wurden Schulgebäude und Straßenbahnwagen in Brand gesetzt. Barrikaden wurden gebaut, die Truppen schossen auf das Volk, und im Rücken der wild erregten Menge plünderte das Lumpenproletariat die Geschäftsläden. (ebenda)

 

An diesem Zitat fällt die Trennung auf zwischen dem sogenannten „Volk“, welches mit der „wild erregten Menge“ gleichgesetzt wird und dem sog. „Lumpenproletariat“ als jenem Teil des Proletariats, welcher als Feind im Inneren präsentiert wird und die Produktiven, Fleißigen und Klassenbewussten zu hintergehen scheint.

 

Die soziale Deklassierung des sog. „Lumpenproletariat“ bildet keineswegs ein Alleingang des austromarxistischen Theorems, sie lässt sich innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung bis hin zu ihren Ursprüngen sehr gut nachzeichnen.

 

Ausführungen von Michael Schwartz folgend hat der Marxismus in seinem Versuch, die vom Begriff des „Pöbels“ abstammende Bezeichnung des „Proletariats“ als eine selbstbewusste Proklamierung positiv zu besetzten, versagt.

 

Im Bemühen um Anerkennung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft wird in der Abgrenzung der „ehrlichen“ Arbeiter_innen zu den „lumpigen“ Proletarier_innen die Deklassierung konstituiert.

 

Diese Abgrenzung erfolgte ganz im Interesse des eigenen Klassenverständnisses der standesbewußten Handwerksgesell_innen und qualifizierten Facharbeiter_innen.

 

Die bereits von Marx eingeführte Dichotomie der Arbeiter_innenklasse wurde im 20. Jhdt. weitergetragen:

 

Hier fand Liebknecht schließlich zu den aktuellen Krawallen zurück, indem er betonte: »Jedenfalls haben unsere Parteigenossen […] weder Fenster eingeworfen noch Läden geplündert; wer das getan hat, verdient den Namen Lumpenproletarier, und zwar in noch schlimmerem Sinn, als Marx ihn gebraucht hat.« (Schwartz S.549)

 

»Diese verelendeten Elemente« waren auch in Luxemburgs Augen für den »revolutionären Kampf der Arbeiterklasse […] nicht nur keine Stütze, sondern geradezu ein Hemmschuh«, indem sie »meist für anarchistische Konfusion die geeignete soziale Grundlage« abgäben. (ebenda)

 

Dem allgemeinen zeitgenössischen Trend folgend bemühte sich die SPD um ein naturwissenschaftliches Legitimationsmuster ihrer Sichtweisen, wodurch Tendenzen zur Naturalisierung und Biologisierung verstärkt Anklang fanden.

 

Dieser Trend setzte sich auch hinsichtlich der Abgrenzungsstrategien innerhalb der mehrschichtigen Arbeiter_innenklasse fort.

 

Im Rahmen dieser Grenzziehung wurde das „Lumpenproletariat“ als biologische Kategorie definiert.

 

Eugenische Standpunkte führten zu einer zumindest streckenweisen Abkehr von milieutheoretischen Argumentationsmustern.

 

Die Milieutheorie definierte die zerrüttenden, ausbeuterischen und elenden Umstände der Arbeiter_innen innerhalb des Kapitalismus als verantwortliche Konstante für deren soziale Situation.

 

Mit dem Wissen um anhaltende personelle und inhaltliche Kontinuität über die Befreiung von 1945 hinaus, lässt sich an der Unverzichtbarkeit einer Auseinandersetzung mittels kritisch-künstlerischer Strategien des ver_lernens kaum zweifeln.

 

Dem deutschen Faschismus, also dem Nazismus und seinen Massenverbrechen, ist eine Verworrenheit (Verstrickung) von Eugenik, Utilitarismus und Totalitarismus eigen.

 

Ohne bestimmte vorherrschende Positionen und Denkweisen und ohne die vorgefundenen spezifischen Rahmenbedienungen scheint die Verwirklichung der Industriellen Vernichtung von Menschen kaum derart vorstellbar.

 

Die Einrichtungen der Fürsorge, die sich immer schon mit der Evidenthaltung randständiger Schichten der Gesellschaft beschäftigt hatte, war an diesem Prozess nicht unwesentlich beteiligt. (Malina S.12)

 

Identifizierung und Aussonderung, Erfassen und Sortieren wurden zu einem wesentlichen Aufgabenbereich auch der Fürsorgeerziehung. (ebenda)

 

So stellte sie beispielsweise ihre Erfahrungen auch für die Durchkämmung der deutschen Gesellschaft nach »Wertvollen« gemäß dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses aus dem Jahr 1933 ohne Widerstreben zur Verfügung. (ebenda)

 

Die institutionelle und somit systematische Erfassung und Konzentrierung von Schutzbedürftigen ist tief mit der Geschichte der Wohlfahrt verbunden und somit keine Wesenseigenheit des Nazismus.

 

Die Position und mit ihr die Sichtweise auf als „auffällig“ klassifizierte Personen/Gruppen verschob sich im Zuge der Etablierung von naturalisierenden Theorien allmählich und lange vor 1933.

 

Wie der politische Antisemitismus am katholischen anzuknüpfen vermochte, so konnten die Nazis auch im Wohlfahrtswesen an bereits bestehen den Haltungen und Strukturen der Biopolitik anknüpfen.

 

Die zugänglichen Fakten verweisen auf eine gesellschaftliche Situation, in welcher naturwissenschaftlich-biologisierende Erklärungsmuster Anwendungen in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen fanden.

 

Mit diesen Erklärungsmustern ging eine Naturalisierung der gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen (in nationalstaatlicher Ideologie genauso wie auf den inneren Ebenen des sozialen Mit-/Gegeneinander) sowie eine da mit verbundene Stigmatisierung einher.

 

Diese Stigmatisierung zeichnete sich dadurch aus, dass sie das soziale Prekariat für dessen Situation selbst verantwortlich machte und auf die Mehrheitsgesellschaft als Katalysator wirkte.

 

Die homogenisierte Masse vollzog in Bezug auf das Elend „der Anderen“ eine Entsolidarisierung, die einherging mit entemotionalisierenden, gewissenserleichternden und im Individuellen als auch kollektiven Sinne verantwortlichkeitsentlastenden Aspekten.

 

Wie bereits erwähnt sind dies wesentliche Facetten der Kinder- und Jugendwohlfahrtsgenese, sie sind ihr anteilsmäßig in struktureller als auch inhaltlich/ideologischer Ausrichtung inhärent.

 

Die eben beschriebenen Prozesse und das ihnen zugrundeliegende Orientierungswissen, die spezifischen Weltanschauungen und die daraus resultierenden Strategien des Alltäglichen bilden einen Teil jener Synapsen der bürgerlichen Gesellschaft, an welche die Selektions- und Vernichtungsideologie des Nazismus direkt andocken konnte.

 

Doch wie steht es heute, 100 Jahre nach dem Beginn der Wiener Kinder- und Jugendwohlfahrt, um eine mehrheitsfähige inhaltliche Position?

 

Fragen wir uns selber, betrachten wir unsere eigene Denk- und Funktionsweise.

 

Ich persönlich kann festhalten, dass ich die eben von mir gewählte Formulierung: „…einen Teil jener Synapsen der bürgerlichen Gesellschaft, an welche die Selektions- und Vernichtungsideologie des Nazismus direkt andocken konnte“, zu allererst als ein gelungenes Bild begriff; bemüht es sich doch um die Verbildlichung des Prozesses der inneren Gleichschaltung, also der ideologischen Angleichung von 1933 bzw. 1938.

 

Dieser Prozess war eben keineswegs statisch und eindimensional, sondern stellt sich viel mehr als Interaktion dar, welche durchaus an bereits mehrheitsfähige Diskurse anzuschließen vermochte.

 

Nun komme ich nicht umhin, darauf zu verwiesen, dass es zugleich ein Bild ist, welches die Kraft besitzt, Aspekte gesellschaftlicher Zusammenschlüsse zu biologisieren.

 

Es bedarf wohl keiner Ausführungen darüber, dass ein Zusammenschluss an Menschen, sei dieser bürgerlich geprägt oder nicht, über keinerlei Synapsen verfügt, da diese einer körperlichen Struktur eigen sind.

 

Als biologischer Metapher ist in dieser Darstellung bereits die Abzweigung zum Völkischen in Sichtweite, den: von der Darstellung einer Gesellschaft als körperliche Einheit, ist es nicht weit zum „Volkskörper“.

 

Ich denke, an diesem Beispiel lässt sich sehr gut sehen, wie sehr die hier angesprochenen Denkmuster durch uns hindurch zu gehen scheinen, wie sehr sie Teil von uns sind!

 

Die Dringlichkeit einer entsprechenden inhaltlichen Reflexion sowie ein aktives Ver_lernen solcher automatisierter Verknüpfungen, welche den eben dargestellten Argumentationsmustern zugrunde liegen, ist meines Erachtens selbstredend.

 

Wo lassen sich entsprechende Denktraditionen in der alltäglichen Praxis der Sozialpädagogik erkennen?

 

Wie bereits unter dem Begriff des „doppelten Mandates“ erwähnt, zeichnet sich die Sozialpädagogik und hier im spezifischen die Kinder- und Jugendhilfe (ehem. Fürsorge) auch durch ihre besondere Abhängigkeit gegenüber den staatlichen Institutionen aus.

 

Dies bringt mit sich, dass inhaltliche Konflikte und Debatten im politischen Feld (durchaus auch im engeren Sinne verstanden) die Ausrichtung der unmittelbaren sozialpädagogischen Arbeit beeinflussen.

 

Dies geschieht in offensichtlicher Weise direkt mittels der Adressierung an die Soziale Arbeit sowie über den Weg der Gesetzgebung und deren Durchsetzung.

 

Auf subtilerer Ebene finden die vorherrschenden Diskurse, die damit zusammenhängenden Positionierungen, ihren direkten Weg in eine alltägliche Praxis mittels Multiplikator_innen.

 

Sozialpädagog_innen leben nicht abgetrennt von politischen Diskursen, sondern scheinen potenziell an ihnen interessiert und mancherorts um Teilhabe bemüht.

 

Die politischen Auseinandersetzungen und die ihnen zugrundeliegenden Argumentationen integrieren sich auf diese Weise in das Orientierungswissen der Sozialpädagog_innen und beeinflussen ihre Positionierung, ihre Haltung und ihre Wertvorstellungen, was sich auf ihr Handeln gegenüber den Klient_innen auswirkt.

 

Die bereits ausgeführten Spezifika der Abhängigkeit fungieren in Bezug auf einen vorauseilenden Gehorsam oder wie A. Boal es bezeichnet: auf die Etablierung „des Polizisten im Kopf“ als Verstärker.

 

Der Polizist im Kopf ist die Schere im Kopf, die Selbstzensur, die jegliche gesellschaftspolitische Aktion vor ihrer Verwirklichung schon im Kopf der Unterdrückten verwirft. (Döding S.31)

 

Der Polizist im Kopf kann ein geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz sein, aber auch das Umfeld, vor dem wir nicht aus der Rolle fallen wollen, vor dem wir uns keine Blöße geben wollen. (ebenda)

 

Demnach kommt erst das Fressen und dann die Moral!

 

Der Faktenlage über die Entstehung der Kinder- Jugendwohlfahrt in Wien und ihrer zugrundeliegenden ideologischen Ausrichtung kann entnommen werden, wie sehr die Perspektiven und Standpunkte der wohlfahrtspolitischen Praktiker_innen es vermochten, ein ganzes Feld zu prägen.

 

Zusätzlich lässt sich anhand dieser Faktenlage nachzeichnen, mit welchen Auswirkungen diese Prägung dem Vernichtungswillen der Nazis entgegenkam.

 

Am Beispiel der Fluchthilfe von Friedrich Zawrel lässt sich erkennen, wie elementar sich die Frage der Positionierung und der Handlungsermächtigung – der Bereitschaft, unter entsprechenden Umständen auch gegen vorherrschende Normen zu handeln – an sogenannte „Primaten der Praxis“ wendet.

 

Insofern muss die Frage der inhaltlichen Positionierung gekoppelt an entsprechende didaktische Praxen auch als eine Frage verstanden werden, welche ein Verständnis für die berufsspezifische historische Verantwortung impliziert!