"Woher kommt dieses medizinisch-psychiatrische Paradigma in der Ki./Ju.-Hilfe?"

DIE MEDIKALISIERUNG DES SOZIALEN

 

Da sind die Heime dabei, die ich nicht einmal mehr gewusst habe, so wie die Dreherstraße, das Zentralkinderheim in der Bastiengasse, das Mödlinger Waisenhaus / Hyrtl´sches Waisenhaus, den Spiegelgrund, und dann die Kinderübernahmsstelle, dann die Dreherstraße, dann die Juchgasse, Lehrlingsheim und anschließend das KZ. (Alfred Grasel)

Im Streben nach einer Legitimationsgrundlage kooperierte die im Aufbau befindliche Wiener Ki/Ju Wohlfahrt eng mit (natur)wissenschaftlichen Feldern. Der damals zuständige Stadtrat und Reformer Julius Tandler war von seiner Profession her Mediziner, dementsprechend setzte sich mit ihm auch ein klassisch medizinisches Paradigma (gesund VS krank)  innerhalb der Ki/Ju Wohlfahrt durch. Die Wiener Kinderübernahmestelle (KÜST) in der Lustkandlgasse kann als diesbezügliche architektonische Manifestation verstanden werden. 

 

Die KÜST wurde gemäß dem zeitgenössischen  wissenschaftlich/medizinischen Know-how organisiert. Der gesamte Bau war zweigeteilt, sowie dies aus der Krankenhausarchitektur im Bereich von Quarantänestationen bekannt ist. Folglich wurde eine sog. „unreine“ als auch eine als „rein“ geltende Hälfte mit samt ihrer Insassen konstruiert. Auf einer eigens dafür geschaffenen Beobachtungsstation konnten die Kinder/Jugendlichen isoliert und 24h/Tag überwacht werden. Die Forschungen und Publikationen der damals ersten Assistentin des Psychologischen Instituts der Stadt Wien und späteren Begründerin der humanistischen Psychologie - Charlotte Bühler - sind ohne einer solchen Institution kaum denkbar.

 

Aus heutiger Sicht wirft sich die Frage nach der Dominanz von medizinischen Perspektiven innerhalb der Ki/Ju Hilfe erneut auf. Im Eingedenken (aktivem Erinnern) an die Verfolgten des Nazismus sind wir angehalten auch jene Strukturen nicht aus den Augen zu verlieren, welche der Nazismus verdrängte, um im Eigeninteresse inhaltlich an sie anzuknüpfen. Vielerorts entledigten sich die Nazis den theoretischen Protagonist_innen, um deren Arbeit in die entsprechenden Richtungen weiterzuführen und diese für das System Auschwitz verwertbar zu gestallten. 

Aktuell scheinen Diskurse über Zugangsbeschränkungen von staatlichen „Leistungen“, hinsichtlich einer sog. „Integration“ in das Konstrukt der „Leitkultur“ und einer damit einhergehenden „Verwertbarkeitslogik“, nicht nur mehr am Stammtisch en vogue.

 

Vermagst DU es, DICH innerhalb der Sozialpädagogik von klassischen Diagnosemanuale (wie dem ICD 10) zu emanzipieren?